Mein Weg mit Maria

Susanne Salaschek ist ehrenamtliche Mitarbeiterin beim ambulanten Hospizdienst DASEIN. Die Erfahrungen, die sie während einer Begleitung machte, hat sie im Folgenden festgehalten. Der Bericht spiegelt die große Nähe wider, die bei den Begleitungen oft entsteht. Der Name ist geändert.

Mein Weg mit Maria

Ich lerne Maria im Mai an einem warmen Frühlingsnachmittag kennen. Sabine Behm-Frister, unsere Koordinatorin, macht mit mir den Erstbesuch. Vor mir sitzt eine stattliche Frau, die lockigen Haare sind ganz kurz von der Chemotherapie. Sie hat lebendige, große Augen und ein feines Gesicht. Maria ist Ende 40, sie lebt allein.
Es hat alles mit dem Brustkrebs begonnen. Sie erzählt, dass sie zwei Jahre lang viele unterschiedliche Behandlungen hinter sich hat. Jetzt ist sie austherapiert, der Krebs habe sich im ganzen Körper ausgebreitet. Sie wisse, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibe.
Wir besprechen zu dritt, wie unsere gemeinsame Zeit aussehen könnte. Sabine Behm-Frister geht, um uns noch eine Weile allein zu lassen. Maria erzählt, was sie sich alles wünscht in der nächsten Zeit. Vor allem: auf die Beine zu kommen, um noch ein paar Dinge zu erledigen.
Wir verabreden, uns einmal in der Woche zu treffen, lächeln uns beide zum Abschied an, und ich spüre, dass ich den letzten Weg mit Maria gehen möchte.

Die Schmerztherapie wird neu eingestellt
Maria und ich fahren zum Einkaufen. Sie hat sich schick gemacht und fühlt sich heute so gut, dass ich sie mit dem Auto abgeholt habe. Im Supermarkt hält sie sich krampfhaft am Einkaufswagen fest. Ich merke, wie ihr allmählich die Kräfte schwinden. Ich muss mich zwingen, uns die Zeit für all die kleinen Dinge zu lassen, die Maria sich anschauen möchte.
Wieder zu hause angekommen, sehe ich, wie erschöpft Maria ist. Sie ist aber auch glücklich, dass sie diesen Einkauf noch einmal selbst erledigen konnte. Sie bedankt sich herzlich bei mir und bittet mich, ihr nichts zu erwidern.
Auf der Rückfahrt im Auto fühle ich mich erleichtert und bin froh, dass wir beide diesen Ausflug so unbeschadet überstanden haben. Ich weiß jetzt: Es gehört Mut dazu, jeden Weg mit Maria zu gehen.
Im Juni ist Maria wieder im Krankenhaus. Sie braucht unter anderem Blutkonserven, und ihre Schmerztherapie wird neu eingestellt. Sie ist in den guten Händen eines Palliativdienstes. Ich besuche sie zweimal in der Woche. Heute reißt sie die Arme hoch und jauchzt, als sie mich sieht. Mein Herz hüpft vor Freude. Sie erzählt mir aus ihrem Leben. Ich darf inzwischen viele Erlebnisse mit ihr teilen; meine Nähe zu ihr wächst.
Maria ist wieder zu Hause. Ich treffe sie gemütlich im Bett liegend an. Sie hat keine großen Schmerzen, fühlt sich nur etwas schlapp. Sie erzählt mir von der geplanten Kegeltour, die sie unbedingt noch mitmachen möchte. Im ersten Moment denke ich: Maria du stirbst, wie soll das gehen? Sie besteht darauf: „Ich fahre mit.“ Ich bespreche mit ihr, was alles zu bedenken ist. Daraufhin organisiert sie einen Rollstuhl, trifft Absprachen mit den Kegelschwestern. Nach einer Woche kommt Maria von der Kegelfahrt völlig erschöpft, aber überglücklich wieder: Sie müsse jetzt erst einmal eine Woche schlafen, um sich auszuruhen, verkündet sie. Ich spüre tiefe Zufriedenheit und habe viel gelernt: Zuversicht und der Glaube an das Machbare sind zuweilen bessere Ratgeber als Sorge und Angst.
Es ist Juli, Maria ist wieder im Krankenhaus. Sie kann nicht mehr allein in ihre Wohnung zurück. Die Betreuung durch Pflegedienst, Hausarzt und Palliativdienst reicht nicht mehr aus. Eine Freundin erklärt sich bereit, Maria aufzunehmen. Sollte sie die Pflege nicht schaffen – es handelt sich um die letzten Tage in Marias Leben – gibt es die Möglichkeit für Maria in ein Hospiz zu gehen. Maria ist sehr schwach, sie liegt nur noch.
Eines Abend um halb neun klingelt mein Telefon, die Freundin von Maria ist am Apparat: „Susanne, komm bitte. Die Geschwister von Maria sind alle hier und treffen gleich zum ersten Mal auf Marias Freund.“ Es ist ein warmer Sommerabend. Ich beschließe, die halbe Stunde mit dem Fahrrad zu fahren, so kann ich nachdenken. Als ich um Mitternacht wieder nach Hause fahre, bin ich erleichtert. Mir ist einmal mehr klar, dass meine bloße Anwesenheit, mein Da-Sein, geholfen hat. Der drohende Konflikt zwischen den Menschen, die Maria am meisten liebt, konnte verhindert werden.
Maria ist schon zum Teil in einer anderen Welt: Die Augen sind halb geschlossen, der Atem geht schwer. Ich sitze neben ihr. Ich bemühe mich, zu entspannen und das beklemmende Gefühl in mir nicht hochkommen zu lassen.
Ich spreche in Gedanken mit Maria. Das tut uns beiden gut. So bleibe ich eine Stunde bei ihr. In dieser Zeit können alle anderen Luft holen und Kraft tanken.

Der Abschied von Maria
Am Freitagmorgen um acht Uhr klingelt das Telefon. Marias Freundin sagt: „Maria hat es vor ein paar Minuten geschafft.“ Ich nehme eine Kerze aus dem Schrank und setze mich mit zitternden Knien in das Auto. Ich fahre zum letzten Mal zu Maria. Es ist ein schöner Sommermorgen, strahlend blauer Himmel. Ich stelle die brennende Kerze an Marias Kopfende. Ich spüre mit meinen ganzen Sinnen, dass vor ein paar Augenblicken einer der heiligsten Momente in Marias Leben stattgefunden hat. Nun muss ich mich endgültig von ihr verabschieden.
Wieder zu Hause angekommen, schreibe ich Maria einen langen Brief. Ich lasse unsere gemeinsame Zeit Revue passieren, und ich bedanke mich bei ihr für all das, was sie mir auf unserem gemeinsamen Weg geschenkt hat. Danach gehe ich in den Garten, verbrenne den Brief, und streue die Asche in den Wind.

Verfasst von Susanne Salaschek